Was ist eigentlich das Ich? Illusion oder Wirklichkeit?

Was ist eigentlich das „Ich“?

 

Du läufst eine Straße entlang, versunken in deinen Gedanken. Schritt für Schritt gehst du vor dich hin und wendest immer mehr Aufmerksamkeit dem Geschehen auf der Straße zu. Du merkst wie viele Menschen doch heute hier auf der Straße sind. Plötzlich – ein Knall, du siehst wie zwei Autos miteinander zusammenprallen. Du schreckst auf, fragst dich ob jemand verletzt wurde?  Zu deiner Erleichterung siehst du, dass die beiden Fahrer unverletzt sind. Du atmest auf und denkst: „Was für ein Glück, die beiden doch hatten.“

 

Woher kommt dieses Gefühl, dass DU das alles gerade erlebt hast? Gibt es sowas wie ein SELBST überhaupt? In diesem Artikel versuchen wir, diese äußert komplexen Fragen näher zu betrachten.

 

Jeder kennt dieses Gefühl, als würde es diesen kleinen ganz besonderen Bewohner in unserem Kopf geben. Diesen Bewohner erkennen wir häufig als unser „Ich“ an. Das „Ich“ erlebt, kommentiert und begründet, alles was in unserem Leben geschieht. Seien es aktuelle Geschehnisse, oder abstrakte Vorstellungen unserer Wünsche und Sehnsüchte, das „Ich“ hat überall seine Finger im Spiel.

 

Das Gefühl, dass es diesen integralen Teil in uns gibt, dem alle Gefühle, Gedanken und Empfindungen innewohnen, ist für uns eigentlich eine reine Selbstverständlichkeit. Um dieses Gefühl zu versinnbildlichen, lohnt es sich zwischen zwei Formen des Ich’s zu unterscheiden, wie dies William James (Begründer der Psychologie in den USA) tat. Er unterschied grundsätzlich zwischen dem erlebendem Selbst, dem „Ich“, welches hauptsächlich den gegenwärtigen Moment wahrnimmt und dem reflektierendemmich„, welches uns ein Gefühl von Identität gibt. Es verknüpft unsere bisherige Geschichte, mit unseren aktuellen Vorhaben und unseren zukünftigen Plänen und sorgt somit für ein einheitliches Gefühl unserer Identität.

 

Dieses Gefühl hat oftmals wunderbare Seiten an sich, lässt uns aber gelegentlich leiden und erschwert uns einen Zugang zum gegenwärtigen Moment. Mir hat dieses Gefühl bereits viel Kummer und Sorgen bereitet. Fragen die ich mir stellte und immer noch stelle – wie wer ich überhaupt bin oder sein möchte, bringen manchmal nicht die Antwort, die ich hören will. Dieses Gefühl hat es mir auch des öfteren erschwert, mich in die Situation anderer Menschen hineinzuversetzen und wirklich zu fühlen, in welcher Lage sie sich gerade befinden. Es scheint dann, wie eine Schranke zwischen mir und der jeweiligen Person zu existieren. Jedoch gibt es auch wunderbare Seiten dieses Gefühls. Momente, bei denen ich verspüre, dass ich etwas gut gemacht habe oder Erfolg hatte, bestärken mein Selbstgefühl und geben Kraft.

 

Durch Praktiken – wie der Meditation (in einem meiner vorigen Artikel erfährst du mehr über die Meditation), habe ich jedoch teilweise Momente erlebt, bei denen ich vollkommen präsent war und dieses Gefühl eines separaten Selbst, scheinbar nicht verspürt habe. Es ist sehr schwierig dieses Gefühl mit Worten zu beschreiben – ich werde hierauf jedoch später noch ein wenig genauer eingehen.

 

Das Ich als Illusion

 

Wissenschaftler, wie zum Beispiel Bruce Hood, behaupten das dieses Gefühl eines eigenen Selbst, eine reine Illusion sei. Zunächst müssen wir aber klären, was überhaupt eine Illusion ist. Darüber lässt sich natürlich streiten, jedoch denke ich, dass eine Illusion eine subjektive Erfahrung ist, die nicht das zu sein scheint, was sie vorgibt. Also letztendlich dieses Gefühl eines inneren, unabhängigen Bewohners unseres Bewusstseins. Selbst wenn diese Empfindung eine Illusion ist, kann man kaum bestreiten, dass sie keinen funktionellen Zweck erfüllt hat – im Gegenteil, sie hat höchstwahrscheinlich dazu geführt, dass wir uns als Spezies so unglaublich entwickeln konnten.

In vielen spirituellen Traditionen, ist das Auflösen dieser „Illusion“ das oberste Ziel. Durch Praktiken, wie der Meditation soll dieses Gefühl eines separaten Selbst aufgelöst werden. Für diejenigen unter uns, die bereits Erfahrung mit dem Meditieren gemacht haben, sollte dieses Gefühl einer vollkommenen Verbundenheit mit dem gegenwärtigen Moment, vertraut sein. Gedanken, Empfindungen und das Ich scheinen, auch wenn nur für kurze Zeit, aus dem Bewusstseinsstrom zu verschwinden. Ein Zustand von Ruhe und Frieden kehren ein und eine vollkommene Verbindung mit dem gegenwärtigen Moment findet statt. Sind diese Erfahrungen Beweis genug für die Illusion des Selbst?

 

Experimente mit Split-Brain Patienten

 

 

Schauen wir uns zunächst einmal das spannende Phänomen der SplitBrain Patienten an – hierbei müssen wir die grundlegende Anatomie des Gehirns verstehen. Unser Gehirn besteht aus zwei Hemisphären (also zwei Gehirnhälften), die über verschiedene Nervenverbindungen miteinander verbunden sind. Durch diese Nervenverbindung geschieht die Kommunikation der beiden Gehirnhälften – diese ist von elementarer Bedeutung, da die beiden Hälften jeweils verschiedene kognitive Aufgaben erfüllen und nur durch die Kommunikation zwischen ihnen, die Funktion des Gehirns optimiert werden kann. Während die linke Gehirnhälfte, bei der Sprachentwicklung und mathematischen Operationen dominiert, ist die rechte Gehirnhälfte hauptsächlich für Gesichtserkennung und räumliches Denken zuständig. So weit so gut – aber was hat das alles mit dem Ich zu tun?

Bei sogenannten Split-Brain Patienten, wurde die größte dieser Verbindungsbrücken – das Corpus Callosum, operativ entfernt, um das Auftreten von schweren epileptischen Anfällen zu vermindern. Dieser Eingriff verminderte in der Tat die Symptome der Patienten. In experimentellen Versuchen stellte sich jedoch heraus, dass wenn die vorderen Verbindungsbrücken der Gehirnhälften durchschnitten wurden, zwei größtenteils unabhängige Funktionszentren entstanden. Die beiden Gehirnhälften hatten nun, unterschiedliche Erinnerungen, Lernprozesse und trafen zudem unterschiedliche Entscheidungen (teilweise in sich widersprechende Entscheidungen) – es entstanden sozusagen zwei neue Bewusstseinszentren – gehen wir hierauf noch ein wenig genau ein.

Die Unabhängigkeit der beiden Hemisphären, kommt dadurch zu Stande, dass die Nervenverbindungen die in die beiden Gehirnhälften eintreten, sozusagen umgekehrt eintreffen. Das heißt, dass zum Beispiel, alles was unser Auge im linken visuellen Feld wahrnimmt, in die rechte Gehirnhälfte weitergeleitet wird. Umgekehrt heißt das, dass alles was unser rechtes visuelles Feld trifft, in die linke Gehirnhälfte weitergeleitet wird.

Bei Experimenten mit Split-Brain Patienten zeigte sich zunächst, dass Patienten – Objekte, die im linken visuellen Feld wahrgenommen wurden (also von der rechten Gehirnhälfte), nicht benennen konnten. Jedoch konnten sie das Objekt unter verschiedenen Gegenständen erfühlen, auch wenn sie diese Gegenstände nicht sehen konnten.

Beispielsweise wurde das Wort „Pferd“ für einen kurzen Moment im linken visuellen Feld der Patienten gezeigt. Wurden sie nun gefragt, was sie gesehen haben – konnten die Patienten keine Antwort geben. Wenn sie hingegen gebeten wurden, mit der linken Hand (kontrolliert von der rechten Gehirnhälfte), aus verschiedenen Objekten das auszuwählen, was sie glauben, gesehen zu haben, konnten sie es ohne Probleme identifizieren. Wenn man ihnen dann dieses Objekt gezeigt hat und sie fragte, warum sie den Gegenstand gewählt haben, versuchte die linke Gehirnhälfte irgendeine schlüssige Erklärung zu finden, wie beispielsweise: „Als ich klein war, sind meine Eltern öfters mit mir reiten gegangen.“ Im oberen Video, wird das Experiment nochmal genauer erklärt.

Die beiden Gehirnhälften, scheinen also bei diesen Patienten größtenteils unabhängig zu agieren und die linke Hälfte, war offenbar vollkommen ahnungslos von der Entscheidungsfindung der rechten Gehirnhälfte. In welcher dieser Hälften sitzt nun das ICH und welche Entscheidungen triffst DU?

Ein separates Bewusstsein der beiden Gehirnhälften wird vor allem dann deutlich, wenn wir uns Menschen anschauen, bei denen beide Hälften für die Sprachentwicklung zuständig sind. In einer berühmten Studie, wurde ein junger Versuchsteilnehmer gefragt, was er gerne sein möchte, wenn er Erwachsen ist. Während er mit der linken Gehirnhälfte mit „Architekt“ antwortete – zeichnete er mit Hilfe der rechten Gehirnhälfte das Wort „Rennfahrer“. Welche Aussage hat nun sein Ich getroffen?

 

Ein neues Selbst

 

Diese Experimente werfen viele Fragen, über unsere Entscheidungsfindung und unseren freien Willen auf. Zu behaupten, dass Ich sei eine reine Illusion, halte ich trotzdem für eine wage Aussage. Dieses Gefühl eines Selbst existiert in irgendeiner Weise letztlich doch in jedem. Unwahrscheinlich ist es jedoch, dass es irgendwo in unserem Gehirn sitzt und dort sein Unwesen treibt. Die Experimente mit den Split-Brain Patienten deuten darauf hin, dass unsere Verhaltensweisen, Gefühle und Vorstellungen, häufiger komplexer sind als wir wahrnehmen. Unser Bewusstsein, ist vermeintlich das komplizierteste Phänomen unseres Lebens und mag vielleicht für immer ein Mysterium bleiben.

 

Eine Metapher, die gerne von gängigen spirituellen Traditionen verwendet wird, um das Auflösen des Selbst zu verdeutlichen, ist das Zusammenspiel einer Welle und des Ozeans. In unserem normalen Zustand, sehen wir uns als individuelle Welle im großen Ozean und durch ein „Erwachen“ werden wir Teil des großen Ozeans. Warum müssen wir aber notwendiger Weise, unser Gefühl eines Selbst, mit einer eigenen Identität aufgeben.

 

Ist es nicht sinnvoller, dieses neue Gefühl, als erweitertes Selbst zu betrachten? Also letztlich als individuelle Welle, die mit dem großen Ozean in Verbindung steht.

 

Es ist sehr verlockend, bei persönlichen Problemen, das Selbst als Illusion zu betrachten, um somit seiner Situation zu entfliehen. Diese Denkweise kann sehr schädlich sein, vor allem wenn wir anfangen passiv zu werden und nicht an uns selbst arbeiten, um unsere Situation zu ändern. Wahre Veränderung findet statt, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und bereit sind, an uns zu verbessern.

 

 

 

 

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