Gesundes Mittelmaß: Warum extremes handeln uns dauerhaft schadet

Gesundes Mittelmaß oder ein Leben am Limit?

 

Du bist im Supermarkt, schlenderst durch die Gänge und denkst dir: „Bloß nicht in die Süßigkeitenabteilung, ich bleibe strikt bei meiner Diät.“ Du machst die üblichen Einkäufe, als dein Magen plötzlich anfängt zu knurren. Die letzte Mahlzeit war schon ein wenig her und du fängst an zu überlegen, deine Diät für diesen einen Tag mal auf Eis zu legen.

 

Zögernd stattest du der Süßigkeitenabteilung doch noch einen Besuch ab, siehst dort deine Lieblingskekse und packst sie ein. „Dieser kleine Ausrutscher wird halb so wild sein“, sagst du dir.

 

Auf dem Weg zur Kasse, kommst du noch an der Eisabteilung vorbei und beim Anblick der verschiedenen Eiscremes kannst du nicht widerstehen – auch hier greifst du zu. Zuhause angekommen fließt dir schon das Wasser im Mund zusammen und du kannst es kaum noch abwarten, dir deine wohlverdienten Leckereien zu gönnen. Innerhalb weniger Minuten, hast du die Kekse und das Eis verschlungen – kurz danach fängt dein Magen an zu rebellieren. „Hätte ich mich doch nur ein wenig zurückhalten können“, denkst du dir.

 

Warum fällt es uns so schwer, uns in vielen Dingen zu mäßigen und warum neigen wir oftmals zur Maßlosigkeit? Wann ist es sinnvoll, sich extrem zu verhalten? In diesem Artikel versuchen wir diese Fragen zu beantworten.

 

Der Hang zum Extremen

 

Woher kommt eigentlich dieser universelle Hang zum Extremen? Studien haben gezeigt, dass wir als Kleinkinder Aufgaben und Erfahrungen bevorzugen, die weder zu einfach, noch zu komplex sind. Auch im Marketing scheint dieses Phänomen bekannt zu sein. Wenn potenzielle Kunden, mit drei Kaufoptionen konfrontiert werden, einer günstigen, einer mittel-günstigen und einer teueren – ist es am wahrscheinlichsten, dass sie den mittleren Preis bevorzugen. Warum haben wir trotzdem einen so häufigen Drang nach dem Extremen?

 

Ich würde behaupten, dass soziale, sowie kulturelle Einflüsse hierzu beitragen. Möchten wir zum Beispiel am Abend eine Serie, oder einen Film anschauen, werden wir von Vorschlägen überströmt und sind häufig mit der Auswahl überfordert. Haben wir dann eine Serie gefunden, müssen wir natürlich im Anschluss noch eine andere Serie schauen, die gerade im Trend liegt.

 

Es scheint, als ob wir nie genug bekommen können. Im anderen Extrem gibt es Menschen, die bereits bei einem Teelöffel Zucker in ihrem Kaffee, ein schlechtes Gewissen bekommen und im Anschluss zwei Stunden ins Fitnessstudio gehen, um sich wieder gut zu fühlen (Ich gehörte auch mal zu diesen Personen 😀).

 

Als Sammler und Jäger, hatten wir früher keinen Grund unser Verhalten zu mäßigen. Wir mussten uns nicht ins Fitnessstudio schleppen – jede Möglichkeit Energie zu sparen wurde genutzt, da das Leben als Jäger bereits genug Anstrengungen mit sich brachte. Heute müssen wir uns zu täglicher Bewegung förmlich zwingen, da unser sesshafter Lebensstil schlichtweg nicht unserer Natur entspricht.

 

Süße Nahrungsmittel waren zudem auch knapp und wurden dadurch nur selten und nur in Maßen konsumiert. In unserer modernen Gesellschaft, ist es durch den zunehmenden Überfluss an allem, deutlich schwieriger geworden, seinen Drängen zu widerstehen und ein Mittelmaß in vielen Dingen zu finden. Schön und gut – was könnten aber mögliche Konsequenzen sein?

 

Die Konsequenzen vom Streben nach Glück

 

Vor allem in der positiven Psychologie wird oftmals vermittelt, dass wir unsere Stärken möglichst ausbauen sollten und daran arbeiten sollen, unsere positiven Emotionen zu verstärken. Intuitiv gesehen, macht das sehr viel Sinn. Wer möchte schon gerne den ganzen langen Tag schmollen und grübeln?

 

Wir alle möchten glücklich sein und scheinen auch einen inneren Drang danach zu haben, dieses Bedürfnis zu befriedigen (Auch wenn wir oftmals nicht wissen, was uns überhaupt glücklich macht). Studien scheinen jedoch darauf hinzuweisen, dass genau das uns zum Verhängnis werden kann. Iris Mauss demonstrierte zum Beispiel in ihrer Studie, dass ein übermäßiges Streben nach Glück, zu unrealistischen Vorstellungen und Maßstäben führen kann und uns somit Unglück und Frust bereitet.

 

Außerdem haben Forscher demonstriert, das unsere Kreativität darunter zu leiden beginnt, wenn wir zu viele positive Emotionen verspüren. Während moderate positive Empfindungen unsere Kreativität anregen können, scheinen extreme positive Empfindungen diese Dynamik zu stören, da es uns zunehmend schwerer fällt, unsere Vorstellungen und Ideen zu konkretisieren.

 

Macht es nicht mehr Sinn, sich mit dem ganzen Spektrum seines emotionalen Innenlebens zu beschäftigen? Meiner Meinung nach, bekommt unser Leben dadurch einen tieferen Sinn und wir hören auf uns etwas vorzumachen und zu glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, wenn wir mal frustriert sind. Wenn wir anfangen unangenehme Empfindungen zu verleugnen und zu unterdrücken, verpassen wir eine große Chance, aus ihnen zu lernen.

 

Hierbei ist es wichtig, sein eigenen Reaktionen auf gewisse Situationen genau zu beobachten. Verspürst du zum Beispiel Ärger, brauchst du nicht sofort die Notbremse zu ziehen und krankhaft versuchen, dich zu beruhigen. Oftmals ist es besser, zu identifizieren, was genau den Ärger in dir ausgelöst hat und dabei objektiv zu beurteilen, wie du die Situation verbessern kannst.

 

Der Rausch der Liebe

 

Dieses Gefühl, welches wir als „verliebt sein“ bezeichnen, nimmt meistens extreme Formen an. Während wir unsere neue „Flamme“ kennenlernen, wird unser Körper von Dopamin, Noradrenalin und Testosteron überschwemmt, was in uns eine wahre Euphorie auslöst und uns zu unserem neuen Partner hinzieht.

 

Es kann also wie ein kleiner Drogenrausch sein, wenn wir dann Zeit mit dieser Person Zeit verbringen. Dieser biologische Mechanismus hat sich mit der Zeit entwickelt, damit wir uns so schnell wie möglich binden und reproduzieren (In der Evolution gibt es keine Zeit für Mittelmäßigkeit).

 

Nach gewisser Zeit, verändert sich die Dynamik dieser Bindung. Wir gewöhnen uns langsam an unseren Partner und anstatt ein Feuerwerk an Glücksgefühlen und Leidenschaft zu empfinden, wenn wir unseren Partner sehen, macht sich ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und hoffentlich Zufriedenheit bemerkbar. Jedoch gibt es auch hier Menschen die in eine sogenannte „limerance phase“  kommen.

 

Diese ist meist, wie auch die frühe Kennenlernphase von Euphorie gekennzeichnet, jedoch gleichzeitig von Verlustängsten und zwanghaftem Denken an den Partner geprägt, was oftmals für Betroffene, ein normales Funktionieren im Alltag unmöglich macht. Durch die Einflüsse von sozialen Netzwerken, wird dieses zwanghafte Denken intensiviert, da die ständigen Updates vom Partner, diese Gedanken zusätzlich verstärken.

 

Auch hier kann es wichtig sein, seine eigenen Denkmuster zu identifizieren und zu beobachten, ob man nicht eine unrealistische, idealisierte Vorstellung seiner Beziehung hat, die einem vielleicht langfristig schaden könnte. Zu wissen, dass die anfängliche Euphorie mit der Zeit nachlassen wird und das man sich eher aneinander gewöhnt, kann hilfreich sein – besonders dann, wenn man von seinem Partner nicht mehr erwartet, dass dieser übermäßige Euphorie in einem auslöst.

 

Streben nach Erfolg: Zahlt sich harte Arbeit aus?

 

Wie sieht das Ganze eigentlich im Arbeitsleben aus? Zahlt es sich nicht aus hart und beständig zu arbeiten, um seine Ziele zu erreichen? Der junge Banker, der sein Mittagessen alleine am Schreibtisch isst und ohne Pause bis spät Abends arbeitet, scheint jedenfalls seine Karriere beständig voranzutreiben. Jedoch nicht ganz ohne Einbußen – Forscher haben demonstriert, dass soziale Interaktionen positive Auswirkungen auf unsere Laune haben und uns dabei helfen unser Denken anzuregen, um schließlich produktiver zu arbeiten.

 

Dinge zu tun, die nicht in Verbindung mit unserer Arbeit stehen, bringen uns auf neue Gedanken und schaffen Abwechslung in den oftmals monotonen Arbeitsalltag.

 

Bist du bei deiner Arbeit so eingespannt, dass du dir nicht einmal Zeit nimmst einen Schluck Wasser zu trinken, kann deine Kreativität und Produktivität darunter leiden. Hierbei lohnt es sich zwischen einer harmonischen- und einer zwanghaften Leidenschaft zu unterscheiden. Gehen wir einer Leidenschaft zwanghaft nach, kann es passieren, dass wir starr in unserer Denkweise werden – dadurch riskieren wir durch Überanstrengung und wenig Ausgleich letztlich einen Burnout.

 

Einer harmonischen Leidenschaft nachzugehen, hilft uns hingegen dabei, einen positiven und produktiven Flow zu verspüren. Gibt es einen Teil deiner Arbeit, bei dem du dich komplett verlierst und dabei kaum ein Zeitgefühl verspürst? Vielleicht lohnt es sich, hierauf aufzubauen.

 

Ein Mittelmaß für Mittelmäßigkeit

 

Ist es nicht wiederum extrem, dauerhaft zu versuchen ein Mittelmaß zu finden? Diese Frage muss jeder für sich beantworten, ich denke jedoch, dass es teilweise sinnvoll sein kann, extrem zu handeln. Für mich ist es zum Beispiel deutlich einfacher, größtenteils auf Süßigkeit zu verzichten, da ich ich mich selbst bei moderaten Mengen schwierig zurückhalten könnte 😊.

 

Nach einem Keks, kann da schonmal die ganze Packung an Keksen drauf gehen.Willenskraft spielt hierbei weniger eine Rolle, da es für mich schwieriger wäre, kleine Mengen an Süßigkeiten zu essen.

 

Es ist außerdem manchmal sehr belebend und spaßig sich extrem zu verhalten. Beim Sport gelegentlich an seine Grenzen zu gehen und sich dabei mental herauszufordern, ist sehr bereichernd. Bei einer Party mal mit seinen Freunden ordentlich Gas zu geben, hat auch ab und zu seine Vorzüge.

 

Langfristig, lohnt es sich jedoch in allen Lebensbereichen beide Seiten der Medaille anzuschauen und zu versuchen den besten Weg für sich zu finden – oftmals ist dieser der mittlere Weg.

 

DEINE Erfahrungen und Erkenntnisse

In welchen Lebensbereichen gibst du Vollgas und wo versuchst du ein gesundes Mittelmaß zu finden? Deine Meinung ist gefragt!

 

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